ALLTAGsein “Ist das jetzt cool oder einfach nur hirnlos?”, fragt mich die Frau und redet davon, dass ich freihändig mit dem Fahrrad gefahren bin. An den Rand eines Abgrundes argumentiert überlege ich noch – während sie schon entscheidet: “Ihr Hirn muss ja schon lange weg sein.” Ich bin noch immer etwas perplex und gehe zur Gegenfrage über: Es sei ja schön, dass sie das entscheiden könne, aber wer hat ihr denn die Kompetenz gegeben? Sie antwortet nicht. Ich gewinne Land.

Gerade sind wir beide die Nossener Brücke hinunter gefahren und stehen nun an einer roten Ampel. Normalerweise warte ich hier in aller Ruhe und überlege, ob ich noch etwas einkaufe, bevor ich nach Hause komme. Heute muss ich mich stattdessen bevormunden lassen und, ehrlich gesagt, hat mir das noch nie gefallen. Aber von einer Frau, die mich nicht kennt und scheinbar ein übertriebenes Sicherheitsbedürfnis und wenig Vertrauen in junge Radfahrer hat, von so jemandem habe ich mich bisher weder bevormunden, noch beleidigen lassen. Deswegen kam es noch zu einem kleinen Austausch.

Ich sage, dass es meine Freiheit sei, zu fahren, wie ich will. Sie sagt, dass ich das im Straßenverkehr nicht dürfe. Gefahr und so. Ich finde, ich darf das. Schon seit Jahren mache ich das und deswegen wurde ich noch nie von einem Polizisten angehalten – obwohl das sonst oft geschehen ist – und ich bin auch noch nie hingefallen. Aus dem Fenster gelehnt würde ich behaupten, ich kann das. Aber damit komme ich ihr nicht.

Während sie neben mir zur nächsten Ampel radelt, habe ich demonstrativ beide Hände am Lenker und frage, ob es denn schön sei, Spießer zu sein und grundsätzlich alles besser zu wissen. “Ja”, sagt sie und biegt links ab.



5 Responses to “Die Frau, die besser weiß, was für mich gut ist”  

  1. 1 daor

    Die Frau steht weningstens zu dem, was sie ist.
    Auch wenn das im Zweifelsfall “Spießer” bedeutet.
    Wer hat schon heutzutage die Courage zu sich zu stehen?
    Mit allen Fehlern, mit allen Indifferenzen?
    Wer geht denn heute noch gerade aus durch den Saal und schaut nicht nach links, nicht nach rechts?
    Irgendwie habt ihr zwei, du und die Spießerin, etwas gemein.
    Den Willen zu dem zu stehen, was ihr seid.
    Liebe Grüße…daor

  2. wie geil ist das denn… wie alt war die denn?

  3. Also, ich finde das aber auch riskant. Egal wie sicher du bist. Es kann ja auch von einer anderen Seite eine Unfallsituation ausgehen und dann wäre deine Redaktionsfähigkeit vielleicht besser gewesen, wenn du die Hände am Lenkrad gehabt hättest…

  4. @daor: So konsequent sie sein mag, ich werde sie wohl dennoch nicht in guter Erinnerung behalten :) Obwohl sie mich ganz mutig angesprochen hat und zu ihrer Überzeugung stand – ein bisschen beleidigt habe ich mich schon gefühlt.

    @orangensaftnotiz: Ohne Gewähr: Ende Dreissig.

    @Michaela: Sicher, es gibt sichere Möglichkeiten, Rad zu fahren. Aber auf einer Brücke sehe ich über ein gutes Stück ein, was vor mir passiert und die Autos müssten erst einmal durch eine Leitplanke durchbrechen. Dann helfen mir die Hände am Lenker auch nicht mehr. Keine Sorge, ich fahre auch nicht freihändig im Berufsverkehr ohne zu kucken über rote Ampeln. Auch wenn mein Fahrstil auf dem Rad sicherlich nicht so ganz StVO-kompatibel ist, zugegeben.

  5. 5 daor

    touché


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