ALLTAGsein


Ich habe gerade ein erstes Mal. Es ist kurz vor Elf an einem Freitagabend. Ich kann mich an eine Zeit erinnern, in der ich zu dieser Zeit unsinnige RTL-Comedy-Serien gesehen haben. Oder an eine Zeit, in der ich dann Mark Twain oder einen anderen schönen Autor gelesen habe. Oder daran, dass ich auf einer Party ein Mädchen geknutscht habe, das ich so gut nicht kannte. Natürlich habe ich keine Ahnung, wann ich das alles zum ersten Mal gemacht habe – und bis auf das RTL-kucken hat das alles auch immer noch einen Platz in meinem Leben. Nur eben zu studentengerechter Zeit – also potenziell an jedem Tag der Woche.

Doch heute ist es etwas anderes. Es ist ein erstes Mal, das spannend ist, mich trotzdem wehmütig an andere Freitagabende denken lässt. An solche, an denen ich betrunken in der Ecke lag. Oder im Zug saß, damit ich ein spannendes Wochenende erlebe, irgendwo anders. Bei diesem ersten Mal höre ich Schritte, das rascheln von Papier, das klacken von Tasten. Wenn jemand niest, dann schrecke ich auf und sehe die Gedankenfetzen in meinem Kopf auseinandergehen. Ein Schluck Wasser beruhigt mich dann wieder, dann kann ich mich wieder konzentrieren. Denn das muss ich: Dieses erste Mal fordert Konzentration und Durchhaltevermögen.

Gelegentlich schaue ich auf mein Handy. Freunde fragen, ob ich Zeit habe. Heute Abend ist ein Stadtteilfest, das wird cool, da sollte ich hin, sagen sie. Mal sehen, erwidere ich, im Wissen, dass ich ein erstes Mal habe, das mich fordert. Es ist ein sehr persönliches Erlebnis, auch wenn viele Menschen um mich herum sind. Es werden weniger, umso länger es dauert. Ich kann sie verstehen, denn das was ich tue, ist, wenn überhaupt, nur beim ersten Mal spannend.

Mittlerweile ist es kurz nach Elf an diesem Freitagabend und mein erstes Mal ist gleich vorbei. Ich werde die Universitätsbibliothek verlassen – mit dem guten Gefühl, dass ich alles geschafft habe. Auf ein zweites Mal kann ich trotzdem verzichten. Mein Hintern tut weh.




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