Gesunder Patriotismus
• WIRsein • Seit wieder Fußball ist, muss ich gelegentlich diskutieren. Über Patriotismus – ob den jemand braucht, ob der gesund sein kann und ob die Fahnen nach dem Finale wieder im Keller landen. Jetzt habe ich das Gefühl, dass ich meinen gesunden Patriotismus gefunden habe. Wenn beim “Public Viewing” an der Uni die “Polska, Polska”-Rufe weggebuht werden. Dann Rufe ich mit. Polska, Polska!
Wenn die Türkei Tore schiesst, dann jubele ich. Einfach so. Wenn ich die eingeschmissene Scheibe beim Dönermann in der Neustadt sehe, dann ahne ich es. Wenn ich in der Uni höre, dass beim “Public Viewing” an der Elbe einige in der ersten Reihe bei der Nationalhymne den Hitlergruße gezeigt haben, dann kommt es mir immer stärker in den Sinn.
Es gibt keinen Grund, sich über eine Mannschaft zu freuen. Gerade bei einer Europameisterschaft – aber eigentlich immer – kann man sich über alle Tore freuen, über alle roten Karten ärgern und jede Mannschaft bejubeln, die ins Finale einzieht.
Das ist mein gesunder Patriotismus.
Wo wir schon beim Thema sind, Brot und Spiele gibt es bei der Wahlberlinerin.
Filed under: freithema | 9 Comments
Tags: Leben, Dresden, Fußball, Patriotismus, Krawall


Name: Friedhelm Weinberg


Nachdem viele vor türkischen Ausschreitungen nach dem Spiel gewart haben, ich selbst aber nichts der gleichen feststellen konnte, wollt ich heut doch mal nachsehen ob es überhaupt welche gab. Nichts nennenswertes – nur aus Dresden eben dieser Bericht. Soviel dazu.
Hier in Berlin war jedenfalls alles friedlich, und bis auf ein paar allzu enttäuschte haben auch die meisten Türken am Ku’damm mitgefeiert. Mit Fahne und Hymne und allem. Echt schön.
In Ludwigshafen waren bis auf ein paar Böller-Trottel auch nichts los. In der Mannheimer Innenstadt wurde gut gefeiert – und die Türken feierten mit. Ein Kommilitone meinte heute zu mir, dass ihm die Türken seid dem Spiel gestern sogar sympathischer sein, als vorher.
Fand es auch schön, dass die Türken hier mitgefeiert haben, dass sie doppelt geflaggt haben und in einem Dönerimbiss ich abwechselnd von einem im Deutschland- und einem im Türkiyeshirt bedient wurde.
Was aber eben nicht schön ist, ist Hitlergrüßerei beim Public Viewing und Scheiben einschmeissen beim Dönerladen oder die erste Strophe des Lieds, das Nationalhymne ist, lautstark in der Straßenbahn.
Mein gesunder Patriotismus sagt: Russland wird Europameister. Aber bei meinem Glück fliegen die raus und dann gewinnt Schland die EM. Und dann gibt’s wieder ganz patriotisches Schaulaufen, denn wenn wir (!) Europameister sind, kann man ja mal wieder ganz unauffällig ganz doll stolz sein, auf sein Land.
Aber da sind die anschließenden Ausschreitungen natürlich schöne Ablenkung, schließlich machen das ja alle, und dann kann’s ja nicht so schlimm sein. Ich sag nur: Brot und Spiele.
Naja, die Daumen drücken werd ich uns schon – ganz klar. Und gegen Spanien erst recht.
Die Russen wären mir jedenfalls auch deutlich sympatischer gewesen. Sollte neulich hier in Berlin schon mit ein paar Russen was trinken, als sie die Niederlande geschlagen haben. Aber was sie mir aus ihrer Flasche ohne Etikett andrehen wollten war mir doch etwas suspekt
@Moritz: Ja, mir sind sie auch deutlich sympatischer geworden. Waren echt viele Türken mit am Zoo. Und hier bei uns am Westhafen war immerhin Totenstille. Kein Steinewerfen und was da so alles befürchtet wurde.
@Friedhelm: Ja und diesmal kann sich auch keiner mit dem schweizer Fernsehen rausreden
Übrigens hab ich auch noch was zum Thema Patriotismus beizusteuern.
Der ein oder andere kennt ihn vielleicht. Wer vom Gesundbrunnen mal die Badstraße Richtung Westen gegangen ist, ist dabei an diesem Obdachlosen vorbeigekommen, der immer auf diesem Kellerfensterbrett sitzt und singt. Das tut er natürlich immernoch, aber dieser Tage mit Deutschland-Schal und kleiner Flagge. Merchandise macht eben selbst bei Mittellosen nicht mehr halt.
Ich muss ja zugeben, dieses Gefühl von Stolz überkommt mich auch, wenn die deutsche Mannschaft gewonnen hat. Ich kann mir aber nicht erklären wieso und finde das ganze Trara um EM und WM unbegründet. Ich brauch nicht jeden Tag hundert Fahnen, die mich darauf hinweisen wo ich wohne. Wenn die deutsche Mannschaft gewinnt hab ich daran keinerlei Anteil. Worauf also stolz sein? Wozu patriotisch sein?
Schade, dass du nicht weiter auf deine Patriotismus-Diskussionen eingehst. Würde mich interessieren was dabei rauskommt.
Zum Viertelfinale war ich in der Kulturbrauerei in Berlin. Es war ziemlich eng und die Leute um mich rum sahen sich alle ziemlich ähnlich. Kurze Haare, helle Turnschuhe, Deutschlandklamotten. Schwarz-Rot-Weiße Schals sehe und “Sieg, Sieg, Sieg”-Rufe höre ich immer besonders gern. Patriotismus stört mich schon bei Amerikanern. Eine Freundin von mir wurde dort vollkommen ignoriert nachdem rauskam, dass sie die Entscheidung der deutschen Regierung unterstützt sich nicht aktiv am Irakkrieg zu beteiligen. Noch weniger kann ich Patriotismus aber in diesem Land nach dieser Geschichte akzeptieren. Seht ihr das anders?
Ich glaub du verwechselst Patriotismus mit Chauvinismus. Wenn du damit ein Gefühl des Besserseins assoziierst, dann bin ich nicht patriotisch, aber wenn es die Verbundenheit mit unserer Demokratie und der damit verbundenen Wertvorstellung ist, dann bin ich es absolut.
Als Geschichtsstudent brauch ich glaub ich nicht zu erwähnen, dass es unzulässig ist, unsere Geschichte auf Diktatur und Krieg zu reduzieren. Nun haben wir sicher einen längeren und beschwerlicheren Weg zur Demokratie gehabt als andere Nationen, aber das Ergebnis kann einen denk ich trotzdem weitestgehend zufriedenstellen. Und da wo’s noch hakt, da muss jeder einzelne eben aktiv werden. Und das heißt für mich Patriotismus: Für alle das beste rausholen. Unsere Geschichte lehrt uns, was besser ist und wer verantwortlich mit ihr umgeht, sollte patriotisch sein. Ob man dafür auch diesen Begriff wählt ist mir allerding egal. Auf die Sache kommts an.
Hmmm, reden wir mal nicht über Begriffe und ob das Patriotismus, Verfassungspatriotismus ist und ob man dafür bestimmte Werte braucht.
Aber ich finde nicht, dass es ein “für alle das beste rausholen” ist; ich finde, es sollte mehr “gib jedem die Freiheit zu tun, was er will”. Aber ich will gar nicht sagen, dass du das nicht andeutest, Thomas. Trotzdem finde ich, dass es das ist, was man herausstellen sollte. Freiheit sollte übrigens in diesem Zusammenhang als etwas begriffen werden, dass aufhört, wo die Freiheit des anderen wesentlich eingeschränkt wird.
Nun zur Geschichte. Ob man aus Geschichte etwas lernen kann, sei dahingestellt. Aber man kann aus ihr begreifen, wie die Dinge gekommen sind. Das ist ja schon schwer genug. Für die Zukunft muss es wohl mehr geben, denn es kommen immer neue Anforderungen auf einen zu.
Zur Patriotismusdebatte zurück. Ich hoffte, im Text klargemacht zu haben, wo ich stehe. Nicht auf der Seite einer gröhlenden Masse, die Fahnen schwenkt und von der dann noch ein paar Scheiben von Dönerläden einschmeissen. Nicht auf der Seite, die sich über andere erhebt. Auf der Seite, die kein Gefühl für ein Vaterland braucht, sondern auch ohne gut zu leben versucht.