• WELTsein
Wenn man sich verabredet und man sicher gehen will, dass man sich auch trifft, dann verabredet man sich am Platz des Sieges, am ewigen Feuer. Dort treffe ich Max, Magdalena und Wassilij und tauche ein, in eine Welt ausserhalb der Studentinnen des Wohnheims. Die studieren alle Sprachen – ich bin an der linguistischen Universitaet – und zeichnen sich durch einheitlichen Klamotten- und Musikgeschmack aus. Natuerlich sind die auch lieb – aber Max, Magdalena und Wassilij sind anders, denn sie reden auch ueber Politik, die Armee und – Musik.

Zuerst Musik. Nach einem hoeflichen Abklopfen des gegenseitigen Musikstils werden mir DVDs mit russischen und weissrussischem heissen Scheiss versprochen, auf die ich nun gespannt warten darf. Verabredungen fuer Konzerte werden getroffen und vermutlich wird der Anfang von Freundschaft mit Bier am Fluss besiegelt. Freilich in einer Mischung aus Deutsch, Englisch, Russisch und erstaunlich wenig Fuchteln.

Doch spaeter gibt es auch die harten Themen, von denen der Westen hoert, die die Jugend beruehren und Kopfschuetteln verursachen. Da ist die Armee, vor der sich alle druecken wollen – weil da die aelteren Offiziere sich die Zeit verdingen, indem sie die jungen Rekruten misshandeln und herumscheuchen. Da ist die Polizei, ueber die der Witz kursiert, dass es mehr Polizisten als Einwohner in Weissrussland gibt. Da ist das „fucking minstry“, wie einer es nennt, bei dem jede Kulturveranstaltung eingereicht werden muss, inklusive Hoerproben, Texten und nach Moeglichkeit Videos der Bands, die auftreten. Da ist die weissrussische Sprache, die konsequent missachtet wird, um Russland nicht zu veraergern; einer fragt sich, wie sie zu einer Identitaet kommen sollen, wenn sie ihre eigene Kultur unterdruecken. Da ist die Pressefreiheit, die einfach nicht existiert und nun auch noch im Internet eingeschraenkt werden soll.

Nach diesen Gespraechen weiss ich umso weniger, warum es hier so viel Alltag und keinen Protest gibt. Aber es ist so.



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