• WELTsein Wir sprechen Englisch, wir fallen auf, werden angesprochen und ich kriege Angst. Der Mittzwanziger will erst einmal wissen, was mein Opa im Krieg gemacht hat; und er sieht so aus, als sucht er nur einen Grund, um mich zusammenzuschlagen. Ich bereite mich, davon zu rennen.

Dann will er wissen, was Aeltere in meiner Familie gemacht haben, als ich ihm erzaehle, dass mein Opa zu jung war. Die Antwort scheint ihn  zu beruhigen, auch wenn sie Kraft kostet, denn ich denke nicht gern an die Familienmitglieder, von denen ich wenig weiss, nur dass einer sich umgebracht hat und andere fliehen mussten. Und dann erzaehle ich es einem betrunkenen Weissrussen, der vor allem vorhat, mich zu schlagen und den Grund – die boesen Deutschen – sucht.

Mir ist schlecht, mein Koerper waere gern woanders. Nicht im kalten, nieseligen Minsk, in dem ein Besoffener neben mir steht, seine Freunde zehn Meter weiter.

Aber die Antwort macht ihn gluecklich; wenn andere auch gelitten haben, dann muss man die Nachfahren nicht zusammenschlagen – die Schizophrenie des Erinners schlaegt zu, die in diesem Land besonders ausgepraegt scheint, aber ueberall herrscht. In Weissrussland ist es eine Mischung aus Sowjetnostalgie und Orientierungslosigkeit, das Fehlen eines eigenen Landes ueber Jahrhunderte hat Spuren hinterlassen. Mir fallen die Worte von Max und Olga ein – ein Land, das seine eigene Kultur verleugnet, kein wahres Land sein kann; und das ist die Tragoedie in Weissrussland.

Das Gespraech mit dem betrunkenen Mittzwanziger nimmt eine Wendung, es geht zu den Toten Hosen ueber, zu dem Konzert, bei dem Leute totgetrampelt wurden – Minsk hat eine ganz aehnliche Erfahrung gemacht. Ob die Toten Hosen Kommunisten sind? Sie hatten in einem Video wohl einmal ein kleines Maedchen, das schlehct Russisch gesungen hat. Deshalb die Frage. Als ich sage, dass die deutsche Band nicht kommunistisch ist, scheine ich mich nicht mehr fuerchten zu muessen. Mein Gespraechspartner wird nett, beginnt ueber das Denkmal zu reden, vor dem wir stehen, das von weissrussischen Jugendlichen fuer einen bekannten, zu frueh gestorbenenen Saenger errichtet wurde; aus Pflastersteinen, nachdem die Mauer, an dem es erst war, vom weissrussischen Staat abgerissen wurde und bisher nur versprochen wird, sie wieder aufzustellen.

Dann geht es dazu, dass er einen Freund hat, der immer nach Deutschland reist, Koeln, da koennten wir doch Adressen tauschen, damit er bei mir pennen kann. Wir sind ja fast Freunde. Mein Hand fungiert als Karte Deutschlands und kann das verhindern, der Plan wird verworfen – Koeln-Dresden, das ist zu weit.

Meine politische Meinung darf ich auch noch erklaeren, wird akzeptiert, aber nicht fuer gut befunden. Dennoch, ein Fazit des Mittzwanzigers: „Halte dich an die Auslaender, die haben Geld“, sagt er meiner Begleiterin. Sie uebersetzt das zwar nicht, aber ich habe schon verstanden.



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