• WELTsein • Die letzten Tage in Weissrussland wurden auf einmal zu Wahlkampftagen, es war wirklich auf einmal, vorher zeichnete sich da nichts ab. Das Parlament wurde heute neu gewaehlt, die Wahlwerbung dafuer begann vor einer Woche, es treten mehr unabhaenige Kandidaten an als bei der letzten, die Zahl ist dennoch nicht berauschend, es steht ungefaehr 3-1 fuer die Lukaschenkonahen. Erste Ergebnisse soll es morgen geben. Stimmen vorher:

Elena sagt, dass sie an einem Artikel ueber Wahlfaelschung arbeitet; Max sagt, dass er erst kurz vor Schliessung der Wahllokale waehlen gehen wird, dann ist die Chance am groessten, dass seine Stimme nicht gefaelscht wird; Olga kann nicht waehlen gehen, weil ihr Hauptwohnsitz die Uni ist (sie wohnt bei Max) und da die Briefe immer verloren gehen; Tanja sagt, dass die Wahlen eine Farce sind.

Gern waere ich dabei gewesen, weil es sicherlich spannend geworden waere, aber meine Registrierung ist Samstag abgelaufen und ich bin bereits in Odessa, Ukraine. Spannend, weil sich das Land aus der Letargie zu erheben begann. Es gab Wahlwerbung auf der Strasse, Boykottaufrufe, Wahlaufrufe und eine angekuendigte Demo, die wohl nicht niedergepruegelt wird. Das Ausland schaut ja zu. Viele haben zwar ueber die Wahlen nicht gern geredet, weil sie immer nicht gern ueber Politik reden, da Politik in Weissrussland fuer viele etwas Langweiliges ist, das man nicht aendern, aber ignorieren kann.

Die letzte Nacht in Weissrussland habe ich mit Olga und Max erst in den Strassen von Minsk und spaeter bei ihnen zu Hause verbracht. Wir sind durch die Strasse der Stille gelaufen, in der es Strassenbahnschienen gibt, die nicht mehr benutzt werden; Fabriken, die noch immer den Arbeiter des Monats auszeichnen, auf den ein Bronze-Lenin aufpasst; aber keine Menschen, keine Geraeusche, nur ein paar Nazigrafitti. An der Kreuzung der Strasse der Stille zur Hauptstrasse gibt es Verkehrszeichen, die weinen verbieten und lachen erwuenschen.

Diese Strasse ist ein ganz gutes Bild. Keine Geraeusche, alles arbeitet ruhig, ein paar Schmierereien, die verwirren, ein Lenin fuer die sowjetische Tradition, aber alles ist auf eine bedrueckende Art schoen. So wie Weissrussland.



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