• WELTsein • Selten so viele Koepfe gesehen. Vom Admiral bis Lenin duerfen viele fuer Sewastopol oder fuer die Sowjetunion (die es nicht mehr gibt, ich weiss) auf Bewohner und Besucher herabblicken. Am groessten natuerlich Lenin, der wie immer zeigt, wo es lang geht; begleitet wird er dabei von seinen Homies aus der kommunistischen Partei – und von den Kindern, die auf dem Denkmal spielen und herumklettern.
Sonst ist fuer Krim-Verhaeltnisse gerade niemand in der Stadt, die Ferien sind vorrueber und was bleibt sind Kurgaeste. Und Sascha, bei dem ich gegen Geld wohne, der sein Geld in einer Kosmetikfirma verdient, nebenbei Psychologie studiert aber eigentlich DJ werden will. Hauptberuflich schleppt er aber Frauen ab oder will das zumindest; den Rest seiner Zeit verbringt er mit betrachten seines Bildschirmschoners, auf dem er in verschiedenen Posen zu sehen ist, oder anderen Moeglichkeiten sich toll zu finden.
Kennengelernt haben wir uns im Linientaxi, das mein Hostel nicht fand, weshalb er sich dann anbot. Daraus habe ich gelernt – ich werde nie wieder ein Hostel vorher im Internet raussuchen. Einfach nur noch hinfahren. Auf der Fahrt hat er auch gleich noch die beiden mitreisenden Maedels fuer den Abend klargemacht. An diesem Abend stelle ich dann fest, dass ich dahergelallten Krimdialekt wirklich nicht verstehe, was mich dumm aussehen laesst, aber vor Schlimmeren bewahrt.
Am naechsten Tag verirre ich mich ins Museum der Schwarzmeerflotte, in dem Lenin und Engels noch einhellig die Wichtigkeit des Krimkriegs beschwoeren duerfen. Da ich das teile und ein bisschen nur deshalb auf die Krim gefahren bin, bin ich gluecklich, kucke mir das Sowjetstil-Museum bis zum Ende an und freue mich. Von Waffen bis Schiffsmodellen gibt es ein Best-of der Kriege der letzten beiden Jahrhunderte.
Steigern darf das noch das Panorama-Museum. Wer schon einmal in Leipzig oder Dresden im Panometer war, der kennt das Prinzip: Rundum ein Bild zu einem historischen Ereignis. Ein bombastischer Einblick auf den Sturm auf Sewastopol – aus russischer Sicht, die Briten und Franzosen irgendwie als Loser rueberkommen laesst. Da gibt es den heldenhaften General, die Ordensschwester und die versenkten Segelschiffe auf einem Bild. Historiker wuerden sich schuetteln, ich finds ganz schoen.
Am Ausgang erklaert mir die Ausgangsfrau noch, wie Russisch die Krim ist. Chruchtschow hat sie Ukrainern geschenkt, aber das aendere nichts. Viele Bewohner der Krim teilen das – Russisch ist vorherrschende Sprache, Graffiti zeigen „Die Krim – das ist Russland“ und hier wird fleissig blau, nicht orange, gewaehlt. Ausserdem laufen hier Trainingsanzuege herum, die den Eindruck bestaetigen.
Faktisch bin ich zwar in der Ukraine, gesprochen wird wie in Russland, verhalten wird sich wie in Suedeuropa. Zwischen allem, aber schoen und interessant.
Filed under: freiwild | 5 Comments
Tags: Krim, Krimkrieg, Sewastopol, Ukraine


Name: Friedhelm Weinberg


Na, da wird es dich wahrscheinlich freuen, dass sich das Dossier der ZEIT von vorletzter Woche mit Sewastapol, der Schwarzmeerflotte und dem russisch-ukrainischen Verhältnis befasst hat…
Ja, das freut mich; da freue ich mich doch direkt auf Zuhause. Bin auch ueberrascht, dass du bei der Zeit mittlerweile bei der aktuellen Woche angekommen bist.
Das nächste Dossier über Sewastapol, die Schwarzmeerflotte und das russisch-ukrainischen Verhältnis der ZEIT schreibt dann wohl Friedhelm.
In Bad Frankenhausen gibt es übrigens auch so ein Panoramabild über die Reformation und die Bauernkriege, wenn ich mich recht erinnere.
Das mit dem Dossier käme mir gelegen, ich würde mich nicht wehren. Machst du das klar?