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Wofür Stipendien? Das ist eine gar nicht so einfache Frage. Und vielleicht etwas weit gefasst. Was sollen die Stipendien, die vom Bildungsministerium kommen und von den elf großen Begabtenförderwerken verteilt werden? Überspitzt formuliert könnten das folgende zwei Antworten sein:

Kindern von Arbeitern, Arbeitslosen, Geringverdienern soll der Aufstieg ermöglicht werden. Sie sollen (Bafög- oder Studienkredit-)schuldenfrei ins Arbeitsleben starten und ihr Potenzial voll ausschöpfen können – statt arbeiten zu gehen, ob neben oder statt des Studiums. Weil es mit Geld allein jedoch nicht getan ist, sollen sie in Seminaren noch mehr lernen können. Besonders berücksichtigt wird, dass es Immigranten besonders schwer haben – weshalb sie besonders gefördert werden.

Die Besten und Engagiertesten sollen gefördert werden. Leistung zählt – und dass man sie einsetzt, etwas bewegen will. Wenn nötig gibt es dafür finanzielle Unterstützung, wichtiger ist jedoch die ideelle Förderung. Seminare, auf denen man Freundschaften, aber auch Kontakte fürs Leben aufbaut; Treffen in der Hochschulgruppe, bei denen Gleichgesinnte sich am Hochschulort kennen lernen können und auch hier gilt: Man sieht sich nicht nur einmal im Leben und wenn man sich schon kennt – umso besser; Gespräche mit dem persönlichen Referenten – darüber, wo man ein Praktikum machen sollte, was der geeignete Ort für den Master ist und wann ist eigentlich die richtige Zeit fürs Auslandssemester?

Ungefähr zwischen diesen beiden Extremen beantworten die Begabtenförderungswerke, die Frage, wer ein Stipendium kriegen soll und was damit verbunden ist. Schattierungen entstehen noch dadurch, ob es partei-, kirchen-, wirtschafts- oder gewerkschaftsnah ist. Da es elf verschiedene gibt, sind die Antworten verschieden – und diese Pluralität ist ja ganz gut. So war zumindest lange die Linie. Und da ist es ja schön, dass in den letzten Jahren das Geld für diese Stipendien stetig erhöht wurde. Nun gab es in diesem Jahr eine groß angelegte Umfrage dazu, wer eigentlich ein Stipendium bekommt.
Die Befunde sind erschreckend (Das kann man besser hier nachlesen, als dass ich es wiederkäue). Und nun?
Es sollte vielleicht gesagt werden, dass ich ein solches Stipendium bekomme. (Welches wird nicht verraten, weil es ja hier um die Sache und nicht um mich gehen soll. So ein bisschen „ich“ ist ja auch noch drin, weil ich ja zum einen eine Meinung habe, die ich hier mitteilen will und zum anderen mir eine Redakteurin heute wieder gesagt hat, dass man schwierige Themen personalisieren soll. Na bitte und toll, weiter im Text.) Meine Erfahrung bezieht sich jedoch nicht allein darauf, dass ich mein Begabtenförderwerk kenne. Nein, in meinem Studiengang hat gut die Hälfte ein Stipendium. Und auf der Sommerschule in Georgien (gefördert durch den DAAD), war ich auch nicht allein, wie folgende Szene verdeutlicht:
Stehen eine andere Stipendiatin (anderes Förderwerk) und ich zusammen auf einem Berg und kommen irgendwie darauf über die Schrulligkeiten des eigenen Werks und der anderen Stipendiaten zu sprechen. Nach kurzer Zeit kommt ein anderer dazu (noch mal anderes Förderwerk) und fängt an mitzureden. Es dauert nicht lange und die Runde wird auf vier erweitert, denn es kommt noch eine dazu (wieder anderes Förderwerk).
Stehen also vier Stipendiaten vier verschiedener Förderwerke auf einem Berg im Großen Kaukasus und unterhalten sich. (Alle da durch das DAAD-Stipendium, das mit ihrem anderen nichts zu tun hat.) Ähnliche Anekdoten – die zugegeben nicht ganz so plakativ sind – gibt es mehrere zu erzählen. Aus Dresden, Berlin oder Moskau. Es ist ein großer Kreis, in dem sich fast jeder über irgendjemanden kennt. Deshalb kommt es beim Smalltalk auch ganz schnell zu: „Ach, wenn du daundda herkommst, kennst du dann denundden?“ bzw. „Ach, du warst daunda, dann kennst du doch bestimmt denundden!“ (Ich mein ja, ist ja egal, wen man kennt, das Fazit ist ja eh immer: Die Welt ist aber klein, hach.)
Wenn man erst einmal drin ist, dann trifft man andere an jeder Ecke. Was ja komisch ist, in Anbetracht dessen, dass gerade mal etwas mehr als jeder hundertste Student in Deutschland gefördert wird.
Das hier kein falscher Eindruck aufkommt: Diese Treffen sind oft inspirierend oder interessant! (Also jetzt abgesehen von der kennstdudenundden-Frage.) Dabei entstehen Freundschaften und Ideen, die mitunter länger halten und gut sind oder werden. Und nur selten ist es wirklich unangenehm, etwa als bei meiner Auswahltagung am Abendbrottisch eine etwas aufgeregte Bewerberin das Gespräch mit: „Und wo engagiert ihr euch?“ eröffnen wollte und mein Unverständnis mit Unverständnis quittierte. Die positiven Erfahrungen überwiegen ungemein.
Dennoch ist da das Fazit, das in der ZEIT aus der Studie gezogen wird: Das Bildungsbürgertum reproduziert sich selbst. Es tut weh das zu lesen. Es wäre nämlich schön, wenn es anders wäre. Das Komische ist: Käme es zu einer Abstimmung unter den aktuellen Stipendiaten aller Werke, ich denke, dass sich eine Mehrheit dafür finden würde. Es ist paradox: Ich profitiere ungemein vom aktuellen System und wünschte doch, dass es anders wäre. Und ich bin sicher nicht allein.
Es wird eine Trennung der Gesellschaft forciert, nicht etwa in Nichtstipendiaten und Stipendiaten, aber eben in Oben und Unten und dass jeder da bleibt, wo er ist. Marxistisch formuliert könnte man das aktuelle Stipendiensystem als Mittel der Bourgeoisie zur Unterdrückung der Arbeiterklasse sehen. Es ist nur eines der Mittel und nicht jeder Stipendiat wird mal Bildungsbürger oder Großkapitalist (geschweige denn sieht sich so).
Aber man kann das Stipendiensystem außerdem – ebenfalls marxistisch betrachtet – als Mittel zur Kooption der Intelligenz niederer Klassen sehen. Das bedeutet übertrieben formuliert, dass man die Arbeiter, die man aufnimmt, umpolt und zu einem von sich macht und damit der Arbeiterklasse ihre Führungspersönlichkeiten wegnimmt. Was ein bisschen nach Verschwörungstheorie klingt, sollte nicht als eine solche abgetan werden. Einen wie starken Einfluss hat denn die Umwelt des geschätzten Lesers auf diesen?
Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass man in diesem Kreis schon relativ stark sein sollte, will man sich nicht von Ergeiz anstecken zu lassen. Oder anders formuliert: Neue Ideen verwirklichen oder Wege gehen möchte, die man sich vorher nicht zugetraut hat. Es verändert einen, ob zum Guten oder zum Schlechten sei dahingestellt. (Hätte man mich in der elften Klasse gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, mein fünftes Semester in Russland zu verbringen und mich da fließend mit Einheimischen zu unterhalten, dann hätte ich wohl geantwortet, dass Russland sicher cool sei, ich aber schon mit Französisch Probleme habe und mir nicht so ganz klar sei, was ich überhaupt mal werden wolle, na ja, vielleicht könne ich ja mein Leben lang lesen, Musik hören und machen.)
Diese kleine und unfassbar kurze Betrachtung des Stipendiensystems unter marxistischen Gesichtspunkten soll keineswegs bedeuten, dass zur Beseitigung der Missstände die Demokratie abgeschafft und der Sozialismus errichtet werden soll. Es zeigt hoffentlich, dass das Denken in kritischen Ansätzen – ob marxistisch oder feministisch – das Verständnis der aktuellen Gegebenheiten erweitern kann. (Diese Form von Nörgelei ohne Vorschlag zur Besserung verstand auch schon Sokrates ganz gut.)
Die letzten Absätze sind aber auch nur intellektuell für: Das Stipendiensystem funktioniert komisch und hat mitunter paradoxe, nicht beabsichtigte Ergebnisse und Folgen – auch für die, die drin sind. Die Frage bleibt: Und nun?
Meiner Meinung nach wäre es wichtig, der ersten Antwort wieder näher zu kommen.

„Und nun?“, liebe Leser? Kommentare oder Gastbeiträge?
Nebenbedingung: Die Stiftungen sagen: „Wir arbeiten dran.“
Anregung: Was sollten sie denn beachten? Und ist nicht vielleicht eine politische Frage das System zu überdenken? Wenn ja, wie?



3 Responses to “Stipendien, Verteilung und ein bisschen Marxismus”  

  1. 1 xxfelix

    Als „einer der anderen“ (also als Teil der Minderheit im Studiengang bzw. Teil der 98%, je nach Bezugssystem) ist mein Eindruck, dass es den Förderungswerken auch nicht wirklich darauf ankommt, einen sozialen Ausgleich zu schaffen. Zumindest bei einigen Stiftungen wirkt es auf mich eher, als wollten sie ein Gefühl der Zugehörigkeit zu einer gewissen Elite bewusst ausdrücken (was bei bestimmten zulassungsbeschränkten Studiengängen übrigens auch vorkommt).
    Außerdem stellen die Förderungswerke – ich weiß es zumindest von mehreren – als Aufnahmekriterium an den Bewerber, dass er oder sie gesellschaftlich besonders engagiert sein soll. Aber auch dieses – objektiv sicherlich schwer erfass- oder vergleichbare – Kriterium wird meiner Meinung nach nicht zu streng betrachtet. Soll heißen, dass ich einerseits sehr engagierte, aber erfolglose Stipendiumsbewerber kenne und andererseits auch allenfalls durchschnittlich engagierte Stipendiaten. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass ich auch eine Reihe von sehr engagierten Stipendiaten und noch viel mehr unengagierte Nichtstipendiaten kenne…

  2. 2 gregorsem

    Wichtiges Thema. Und der ZEIT-Artikel hat mich vor ein paar Tagen auch bestuerzt sein lassen. Und deinen Artikel dazu zu lessen, ist gut.

    Es treffen sich immer so viele Stipendiaten, weil sie, ohne es vielleicht zu bemerken, in ein Netzwerk geraten, das eben seine Mitglieder vernetzt und sie aufeinandertreffen laesst. Interessant oder bestuerzend, dass man dann so wenig die 99,x anderen Prozent der Studenten bzw. 99,xx anderen Prozent der Leute trifft. Und der Kaukasusberg war halt gerade so ein Punkt, wo die Stipendiaten hinkamen, weil sie Stipendiaten waren.

    Und spannend deine Ausfuehrungen zu Marxisten. Neogramscianer wuerden noch hinzufuegen, dass die paar Prozent Kinder weniger bildungsnaher Schichten vom trasformismo der Institution Stiftung korrumpiert warden und nicht mehr bei der Vorbereitung der Revolution mithelfen koennen, sondern sie sogar bekaempfen helfen. Jetzt lese ich, das hast du auch schon gesagt. Ausser, dass das die Neogramscianer eben besonders deutlich herausheben. Was die Neogramscianer dann noch sagen koennten, waere: die Ideen der Arbeiterklasse werden in der Stiftung genauso absorbiert wie der Widerstand der aufgenommenen Arbeiterklassekindern/studenten. Da kommt natuerlich so ein ZEIT-Artikel fuer den Absorptionsprozess hoechst ungelegen. Oder ist das eine noch subtilere Taktik der Einverleibung des Widerstandes, der wir beide auf den Leim gehen?

    By the way: inwiefern fuehlst du dich denn noch zur Revolution imstande, und bestehe sie fuer dich auch ‘nur’ im lebenslangen Musikhoeren?

  3. Keine Ahnung, wenn ich ehrlich sein soll. Dass diese marxistischen Sichtweisen ganz hilfreich sind, Systeme in Frage zu stellen, finde ich schon. Aber wenn es dann um einen konkreten Artikel geht, kann ich mir selten vorstellen, dass da der böse Oberkapitalist im Hintergrund böse beeinflussen will. Vorstellbar wäre höchstens, dass das aus Prozessen entstanden ist. (Manchmal bezweifle ich, dass mein Intellekt ausreicht für sowas.)

    Die Tatsache, dass im ZEIT-Artikel gerade ein Yale-Forscher sagen darf, was für ein Hammer das ist, entbehrt nicht jeder Ironie. Kann mir vorstellen, dass die Entrüstung echt ist, aber sowas ist schon komisch.

    Die Revolution. Hmm, ich weiß gar nicht, ob ich die will. Und ob das dann auch wieder daran liegt, dass ich vom System – böse formuliert – korrumpiert bin. Sowohl mein Menschenbild als auch meine Systemvorstellung ist für mich so wenig geklärt, wie die Frage, ob das Denken in Systemen oder Großtheorien überhaupt sinnvoll ist. Das klingt unbefriedigend, ist es auch.

    Was wäre denn deine oder eure Vorstellung?


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