WELTsein

Auf einmal standen vor dem Wohnheim ganz viele Opis  und alle sprachen sie deutsch. Und was das für Opis waren: Absolventen meiner sehr prestigeträchtigen Uni, die den Laden zum Teil vor 50 Jahren verlassen haben und das jetzt hier mal feiern wollten. Preisfrage: Was sind das für Leute, die das heute noch sehr staatsnahe Institut vor 50 Jahren abgeschlossen haben? Genau. Menschen, die in DDR und Sowjetunion nicht unbedingt das System zerstören wollten, eher im Gegenteil.

Konkreter sind es ehemalige Botschafter, Mitarbeiter im ZK oder im Außenministerium und sie haben nur eines gemeinsam: 1990 haben sie ihren Job verloren. Manch einer von ihnen nutzte dann alte Kontakte und Fähigkeiten, um zu Arbeit zu kommen; andere waren schon vorher in Ungnade gefallen und fanden daher nach der Wende einfacher Jobs; manch einer ging in „Protestrente“ in Verbindung mit Gelegenheitsarbeit.

Gar nicht so einfach: Wie geht man mit solchen Menschen um? Ich fand es eigenartig, denn zum einen kannte ich sie nicht und wollte zumindest ein bisschen was erfahren, denn Interessantes oder Spannendes haben sie sicherlich erlebt. Andererseits schwingt auch immer das Bewusstsein mit, dass einige von ihnen wahrscheinlich ganz krumme Dinger gedreht haben und alle sehr priviligiert in oder von der DDR gelebt haben.

Am Ende habe ich mich dann dafür entschieden, ein paar genauere Fragen zu stellen und bei den Antworten einfach mal zuzuhören. Ergebnis: Im Umgang mit den Westdiplomaten gab es tiefe Freundschaften, tiefe Feindschaften und auch nach der Wende noch große Kränkungen. Der DDR hängen einige stark hinterher, was ja auch nicht wundert. Bis auf wenige sind sie aber ganz bis ziemlich gut im Jetzt angekommen.

Ganz andere Absolventen habe ich dann gestern abend getroffen. Ein Berater und Banker, beide Absolventen aus den letzten Jahren. Man stellt sich vor: Der Banker hat viel Geld. Wie schön. Der Berater macht nebenbei seinen Doktor und gibt Kurse am Institut. Wie schön. Das mit dem Geld sieht auch nicht so schlecht aus, lässt man durchblicken. Das Vergnügen haben wir, weil eine französische Masterstudentin mit dem Berater ein bisschen spielt.

Weil man solche Leute so schön reizen kann, Mist zu erzählen, kann man dem Banker ja einfach mal sagen, dass ihr es seid, die an der Krise Schuld sind. Gibt man dem einen ironischen Unterton, bekommt man keine aufs Maul, sondern die Antwort: „Welche Krise?“ Ja, welche eigentlich. Es folgen nur Albereien, so ist das mit der Ethik. Aber vielleicht liegt es auch nur am Bier, das sie sich mit uns in der schäbigen Kneipe reinkippen. Es passt leider nicht so ganz, dass sie Anzüge tragen. Aber gut.

Der Berater ist natürlich als jemand, der Kurse gibt, auch ein interessantes Ziel. Wenn wir jetzt zu ihm kommen – kriegen wir dann tolle Noten? Na, klar, was für eine Frage. Wir sind ja so gut wie Freunde.



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